1. Erzählen Sie einen Klassiker nach — schlecht ist völlig in Ordnung
Sie kennen mehr Geschichten, als Sie denken. Rotkäppchen, die drei kleinen Schweinchen, der Hase und der Igel — Sie müssen keine davon korrekt können. Kinder kennen die Handlung ohnehin oder es ist ihnen egal, und Lücken füllen sie selbst („nein, Papa, der Wolf war GRÜN“).
Falls Ihnen mitten im Erzählen auffällt, dass Sie den Schluss nicht mehr wissen: erfinden Sie einen. Niemand wird Sie prüfen, und ein selbst erfundenes Ende ist für Ihr Kind ohnehin interessanter als das aus dem Buch.
Ein Hinweis für den Abend: Nehmen Sie den Klassikern die Zähne. Der Wolf muss niemanden fressen; er kann auch nur sehr hungrig und am Ende sehr müde sein. Vor dem Einschlafen ist eine entschärfte Version keine Verfälschung, sondern eine Anpassung an die Uhrzeit.
2. Erzählen Sie den Tag Ihres Kindes — als Heldengeschichte
Das ist der zuverlässigste Trick auf dieser Liste, weil das Material schon da ist. Erzählen Sie den Tag noch einmal, aber im Ton einer Geschichte: „Es war einmal ein Kind, das wachte auf und hörte, dass es draußen regnete. Und dieses Kind beschloss, trotzdem in die Kita zu gehen …“
Zwei Dinge machen das gut. Erstens, verlangsamen Sie es: Jede Kleinigkeit bekommt einen Satz, und der Tag wird dadurch länger und ruhiger, als er war. Zweitens, machen Sie die kleinen Momente groß — die Pfütze, das geteilte Brot, das gefundene Blatt. Kinder hören ihre eigene Geschichte außerordentlich gern und schlafen dabei besonders leicht ein, weil nichts Neues verarbeitet werden muss.
3. Bauen Sie gemeinsam eine Geschichte, Satz für Satz
Sie sagen einen Satz, Ihr Kind sagt einen Satz. Das nimmt Ihnen die halbe Arbeit ab und hält gleichzeitig die Aufmerksamkeit, weil Ihr Kind mitdenken muss.
Eine Regel lohnt sich: Sie behalten das Ende. Vereinbaren Sie vorher, dass die letzten drei Sätze Ihnen gehören — sonst landet die Geschichte um zwanzig vor neun bei einem Vulkanausbruch. Ihre drei Sätze führen zurück nach Hause, ins Bett, unter die Decke.
Für sehr müde Abende ist diese Variante allerdings zu anstrengend: Mitdenken hält wach. Heben Sie sie für Abende auf, an denen noch Luft ist.
Ein zweiter Kniff macht sie ruhiger: Geben Sie Ihrem Kind eine feste Aufgabe statt freier Hand. Es darf jeweils nur sagen, was die Figur sieht, oder nur, welche Farbe etwas hat. Eine enge Aufgabe hält den Faden zusammen und verhindert den Vulkan zuverlässiger als jede Regel über das Ende.
4. Benutzen Sie eine Formel, damit Sie nie leer sind
Wenn Ihnen nichts einfällt, liegt das fast nie an fehlender Fantasie, sondern an fehlender Struktur. Mit dieser Formel haben Sie in zehn Sekunden eine Geschichte:
Ein Tier plus ein verlorener Gegenstand plus ein freundlicher Helfer plus Heimweg.
Also: ein Igel, der seinen Löffel verloren hat, eine Eule, die beim Suchen hilft, und der Weg zurück ins Nest. Fertig. Tauschen Sie jeden Abend nur ein Element aus, und Sie haben Vorrat für Monate — Kinder merken die Wiederholung, und sie mögen sie.
Denselben Aufbau in ausführlicher Form beschreibt unser Beitrag zu Fünf-Minuten-Geschichten.
5. Für sehr müde Abende: die Geschichte vom leisen Bemerken
Es gibt Abende, an denen selbst eine Formel zu viel ist. Dann erzählen Sie eine Geschichte, in der überhaupt nichts passiert — nur Beobachtungen, langsam und der Reihe nach.
„Draußen ist es jetzt dunkel. Die Amsel im Kirschbaum hat den Kopf unter den Flügel gesteckt. Das Auto vor dem Haus ist kalt geworden. Im Haus gegenüber geht gerade das letzte Licht aus. Und in deinem Zimmer ist es warm, und deine Decke ist schwer, und dein Kissen ist genau richtig …“
Das ist keine Notlösung zweiter Klasse. Es ist im Grunde eine geführte Entspannung, und für ein überdrehtes Kind wirkt es oft besser als jede Handlung.
Der Grund liegt darin, dass hier nichts verarbeitet werden muss. Eine Handlung verlangt vom Kind, sich zu merken, wer wer ist und was als Nächstes passieren könnte — Denkarbeit, in dem Moment, in dem das Gehirn absteigen soll. Eine Aufzählung ruhiger Bilder verlangt gar nichts. Sie gibt nur Rhythmus und Stimme, und beides zusammen ist das, was tatsächlich müde macht.
Drei Regeln machen es besser: Bleiben Sie bei dem, was Ihr Kind kennt — der eigene Hof, die eigene Straße, das eigene Fenster. Gehen Sie von außen nach innen, also vom Himmel über die Straße und das Haus bis ins Bett. Und enden Sie immer bei Ihrem Kind selbst. Der letzte Satz gehört dem Kissen, der Decke und den Augen, die zufallen.
6. Lassen Sie Ihr Kind die Geschichte in der App bauen
Manchmal ist die ehrlichste Antwort, dass Sie am Ende sind. Dafür haben wir unsere App gebaut: Ihr Kind wählt mit großen Knöpfen den Helden, die Welt und die Freunde, und in Sekunden entsteht eine ruhige, altersgerechte Geschichte mit seinem Namen. Sie lesen vor — den Teil, den keine App ersetzt.
Das Aussuchen ist dabei nicht Beiwerk, sondern die Hälfte des Vergnügens: Ein Kind, das den Drachen selbst gewählt hat, hört anders zu. Die erste Geschichte ist kostenlos, also lässt sich das an genau so einem Abend ausprobieren, an dem das Buch fehlt.
Nie wieder ohne Geschichte am Abend
Fünf der sechs Wege oben brauchen nichts als Ihre Stimme. Das ist der eigentliche Punkt: Ein Buch ist schön, aber es ist nie die Voraussetzung. Ihr Kind will nicht Literatur, es will die letzten zehn Minuten des Tages mit Ihnen, im Halbdunkel, in ruhigem Tempo.
Wenn Sie einen davon zur Gewohnheit machen — am besten den Tagesrückblick aus Punkt 2 —, ist das fehlende Buch nie wieder ein Problem. Wo die Geschichte im Abend am besten sitzt, steht in unserem Beitrag zum Einschlafritual fürs Kleinkind.